Clemens von Wedemeyer @ KOW

Wedemeyer@KOW

CLEMES VON WEDEMEYER

Cast Behind You The Bones Of Your Mother

Freitag 18. Dezember 2015, 18 – 21 Uhr

Wären Kunstwerke sozial und politisch so unbedeutend, wie manche Skeptiker unken, würden sie dann immer wieder so umkämpft? Von den Statuen und Tempeln, die der IS in Syrien zerstört, läuft ein ikonoklastischer Zeitpfeil rückwärts durch zig Feldzüge, Revolten und Regimewechsel, die neben Menschen auch deren Bildwerke eroberten und raubten oder zerstörten. In zwei Ausstellungen machen Clemens von Wedemeyer und Dierk Schmidt die Skulptur zum Politikum. Die Aneignung und Zurschaustellung ästhetischer Objekte gehört zum Kampf um die Aufteilung der Welt. Dierk Schmidt schaut auf die deutsche Kolonialgeschichte, mit besonderem Blick auf die Restitutionspolitik und das Berliner Humboldt Forum. Den Auftakt aber macht Clemens von Wedemeyer, der seit 2002 das Kino als einen sozialen Schau- und Kampfplatz beschreibt, der nicht nur auf der Projektionsleinwand liegt, sondern auch dahinter, davor und daneben. Immer öfter entstehen dabei dokumentarische Rauminszenierungen, architektonische Installationen und Skulpturen.

Mit Wedemeyers Ausstellung präsentieren wir das achte und letzte Kapitel unseres Jahresprogramms One Year of Filmmaker. Im 20. Jahrhundert hat das Bewegtbild die Vorherrschaft über das menschliche Antlitz erworben und ein ordentliches Wort darüber mitgesprochen, wofür wir uns und andere halten. „The Beginning. Living Figures Dying“(2013) greift ins Arsenal der Beschwörungs- und Zerstörungsszenen, in denen sich das Kino die materiellen Bilder des Menschen (und seiner Götter und Dämonen) zu Eigen machte, indem es sie auf die Leinwand brachte. Mit einer Collage historischer Aufnahmen rekapituliert Wedemeyers Videoinstallation, wie der Film die Aura des Plastischen inszenierte, wie er Objekte beseelte, das menschliche Konterfei magisch überhöhte und ebenso zerschlug. Es ist eine kleine Kulturgeschichte der Skulptur im Film, in der die griechische und die römische Antike als Projektionsfläche sowohl für die Erschaffung als auch für die Dämonisierung einer humanen Gestalt dienen. Zugleich ist es eine Chronik der suggestiven Werkzeuge, der Requisiten, Attrappen und Effekte, mit denen das Kino Phantasmen des Fremden, Anderen und Bedrohlichen erschuf.

Wedemeyers Ausstellung baut auf seiner Produktion für das Maxxi in Rom auf und führt sie weiter. Für seine Videoinstallation „Afterimage“ (2013) scannte Wedemeyer die Innenräume des Ateliers CineArs, das seit 1932 Requisiten für die italienischen Filmproduktionen der Cinecittà fertigt – der Fortbestand des Ateliers ist durch die Cinecittà Holding bedroht. Zwei Statuen, die dort digital erfasst wurden, finden sich nun im Untergeschoss der Galerie als 3D-Sand-Drucke wieder (2015). Neuerstanden aus Algorithmen sprechen die beiden Bildwerke mit künstlichen Stimmen eine Szene der griechischen Mythologie: Nachdem Zeus die verdorbene Menschheit mit einer Sintflut vernichtet hatte waren Deukalion und Pyrrha allein auf Erden. Einsam riefen sie das Orakel der Themis um Hilfe an, das sie aufforderte, die Gebeine ihrer Mutter über die Schultern zu werfen. Zunächst verdutzt erkannten sich Deukalion und Pyrrha schließlich als Kinder der Erde – die Knochen ihrer Mutter mussten also die Steine zu ihren Füßen sein. Sie warfen sie hinter sich und aus ihnen erwuchs eine kommende Generation. Die neue Menschheit, geboren aus toter Materie.

Wedemeyers Skulpturen nutzen Verfahren, die Archäologen bei der Rekonstruktion von antiken Tempeln und Skulpturen verwenden. Zukünftig auch, um sie nach einer eventuellen Zerstörung, wie etwa durch den IS im Falle Palmyras, buchstäblich neu ausdrucken zu können. Der Ikonoklasmus bringt eine neue Sorte künftiger Artefakte aus der Vergangenheit hervor, die freilich nicht sind, was sie einmal waren und eine eigene Kategorie ästhetischer Gegenstände bilden. Ein solcher Gegenstand ist auch „A Recovered Bone“. In einem digitalen Diebstahl hat Wedemeyer eine der berühmtesten Requisiten der Filmgeschichte von der Leinwand entwendet und im Ausstellungsraum auf einen Sockel gesetzt. Eine Schlüsselszene in Stanley Kubricks „2001. Odyssee im Weltraum“ beschreibt den ersten technologischen Moment des Menschen: Ein Humanoider verwendet einen Knochen als erstes Werkzeug und zugleich als erste Waffe. Triumphierend schleudert er ihn gen Himmel. Wedemeyer hat ihn aus der berühmten Szene herausoperiert und mit 3D-Verfahren plastisch rekonstruiert. Der Himmel ist leer, der Knochen greifbar, authentisch sind beide nicht. Oder?

Mit 3D-, Nano-, KI- und anderen Technologien treten im 21. Jahrhundert neue Metamorphosen auf den Plan, die animistische Weltbilder aus den antiken Erzählungen in neuem Licht erscheinen lassen. Bilder und Räume, Informationen und Körper werden ineinander konvertierbar, die Grenze zwischen belebter und unbelebter Substanz verliert ebenso an Plausibilität wie die Unterscheidung zwischen realen Personen und ihren medialen Inkarnationen, zwischen echten Dingen und bloßen Attrappen. Die lineare Zeit hat Löcher und Falten. Künstlerische Methoden des Re-Enactments, der Wiederaufführung vergangener Ereignisse, öffnen sich auf materielle und immaterielle Transformationsprozesse in immer beweglicher scheinenden Zeit- und Raum-Koordinaten. Sie schließen dabei auch historische Momente von Emanzipation und Kritik mit sozialen Auseinandersetzungen der Gegenwart kurz. Augenblicke des Widerstands springen über die historische Zeit hinweg.

Im letzten Teil von Wedemeyers Ausstellung erheben sich die stillen Komparsen und Statisten einer untergegangenen Epoche zum lauten Aufstand gegen die Filmindustrie, der „stärksten Waffe in modernen Gesellschaften“ (so Mussolini über die Gründung des faschistischen Filmstudios Cinecittà). In den Rollen des 2013 in Rom gedrehten Films „Procession: The Cast“ über die römischen Komparsenproteste von 1958 sehen wir Mitglieder des Teatro Valle Occupato, die sich 2011 organisierten, um der Schließung des historischen Teatro Valle mit einer eigenen, selbstverwalteten Organisation zu begegnen. Die Kulturaktivisten von heute übernehmen die Stimmen der Aufständischen von gestern. Als 1958 die amerikanische Produktion „Ben Hur“ im italienischen Hollywood Cinecittà gedreht wurde, hofften Tausende Arbeitslose auf einen Job bei den berühmt gewordenen Massenszenen. Als sie zurückgewiesen wurden, stürmten sie die Filmstudios: Die politische Dimension des Ikonoklasmus liegt nicht nur im Sturz der Bildwerke, sondern auch im sozialen Protest gegen ihre Produktions-bedingungen.   (Text: Alexander Koch)

KOW
Brunnenstr. 9
10119 Berlin

19. 12. 2015 – 27. 02. 2016 |

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