Mona Hatoum | Hans Hs Winkler | Manaf Halbouni @ Kurt-Kurt

ManafHalboumi HansHsWinkler
links: Manaf Halbouni,The Message – rechts: Hans Hs Winkler, Observierung 

Kunst und Kontext im Stadtlabor Berlin-Moabit präsentiert:
sans papiers – Das Leben ist eine Reise

Teil 1.2
Spuren, Blicke, Botschaften
Eröffnung: Samstag 7. Juli 2016, 19 Uhr
In der zweiten Ausstellung der Reihe sans papiers – Das Leben ist eine Reise erzählen die skulpturalen, installativen und filmischen Werke von Mona Hatoum, Hans Hs Winkler und Manaf Halbouni von verschiedenen Wegen. Mehr zur Reihe [hier… ]
Wege, die zurück in die „Vergangenheit“ des 20. Jahrhunderts führen, als Hans Hs Winkler in den 70er Jahren jung und neugierig in das weltstädtische und weltoffene Aleppo reiste, um dem kulturell Anderen und den anderen Menschen zu begegnen. Ein Bild von damals stellt er nun dem observierenden Blick auf die Rückseite des Hochhauses vom LAGeSo gegenüber. Den beiden/verschiedenen Kulturen und vor allem den Menschen begegnet Hans Hs Winkler – aber auch wir – heute vor der Haustür oder im Hinterhof. Es ist nur die Frage, wann wir so wie auf dem alten Reisefoto von Winkler zusammen auf der Straße sitzen und unsere Geschichten, unsere kulinarischen Höhepunkte und unsere Feste teilen. Hoffentlich diesen Sommer schon. Vielleicht sogar auf dem Gehweg vor dem Projektraum Kurt-Kurt.
Manaf Halbounis Reisebericht liegt hochkant auf der Seite und füllt den Schaufensterraum von Kurt-Kurt mit seinen in ein Autowrack eingeschriebenen Zeugnissen. Der Reisebericht von Manaf Halbouni offenbart sich als Spuren im Autolack, als Rost oder als Beulen im Autochassis. Irgendwann einmal ist der petrolfarbene Fiat Panda in der Rohform, in der er nun auch seinen letzten Auftritt hat, in der Fabrikationshalle mit allen wichtigen „Accessoirs“ ausgestattet worden. Es wurde ihm Leben eingehaucht. Auf Asphalt, Landstraße, Feldweg und vielleicht auch manchmal etwas neben der Spur war er unterwegs, bis er nicht mehr fuhr. Manaf Halbouni hatte den Panda für seine Diplomarbeit vom Schrottplatz abgeholt und zu einer minimalen Wohneinheit umgebaut. Nun ist er wieder „ausgeschlachtet“ und erzählt vom Leben und seinen Wegen.
Hinter dem Autowrack liest man an der Wand Al-risala (deutsch: die Botschaft) in arabischer Schrift. Al-risala schafft verschiedene Brücken. Im Bezug auf die Skulptur davor spricht es von den Nachrichten und Berichten der Reisenden. Im Bezug auf die islamische Religion steht das Wort für die Botschaft des Propheten. Übersetzt auf Englisch heißt es: the message. Also die Nachricht. In diesem Sinne ist die Rauminstallation mit Autowrack und arabischem Betonschriftzug auch eine Übersetzung des neudeutschen Ausdruck sms: short message service. Manaf Halbounis kurzer kleiner und umso prägnanterer Nachrichtdienst.
Roadworks, das Video von Mona Hatoum (1985), mutet auf den ersten Blick eher als ein Zeugnis vergangener Punkkultur und achtziger Jahre Outfits an. Beim längeren Zuschauen wird dem Betrachter aber klar, wie wichtig es ist „fort zu schreiten“. In diesem Sinne verbindet Mona Hatoums gefilmte Performance Vergangenheit mit aktuellen Fragen. Die Doc Martens Schuhe, in Deutschland eher als Springerstiefel bekannt strahlen immer noch eine ambivalente Botschaft aus und wecken sowohl Assoziationen mit Autonomen und Anarchisten wie auch mit Neonazis und paramilitärischen Organisationen. Hier werden die Schuhe, festgebunden an den Fußgelenken der Künstlerin, mühsam, hartnäckig und irgendwie auch mit einer unaufhaltsamen Gewissheit über den Gehweg von Brixton geschleift.
Trotz oder gerade wegen dieser teilweise irritierenden Vielschichtigkeit hat das Video Roadworks auch heute noch seine Gültigkeit. Es ist nicht leicht, Fuß zu fassen und  anderswo neue Wurzeln zu schlagen. Aber es gilt sicher immer noch: der Weg ist das Ziel.

Kurt-Kurt
Kunst und Kontext im Stadtlabor Berlin-Moabit
Lübecker Str. 13
10559 Berlin

07. – 23. 07. 2016 | Do. – Sa. 16 – 19 Uhr

http://www.kurt-kurt.de/ | Teil 1.1: Borjana Ventzislavova WE SHALL OVERSWIM

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