Triangularities @ centrum

Triangularities

triangularities

Isabelle Borges | Amelie Grözinger | Janine Eggert & Philipp Ricklefs | Christopher Sage

Eröffnung: Samstag 3. September 2016, 19 Uhr

Drei Punkte, die durch eine Linie miteinander verbunden werden. Erstaunlich, dass ein so simples Konstrukt wie das des Dreiecks in der Naturwissenschaft, Mathematik, Religion, Industrie, Architektur und in der Kunstgeschichte ein so bedeutsames Element ist. In der Natur kommt das Dreieck als streng geometrischen Form nur in der Kristallbildung vor, als Struktur bei den Verzweigungen im Pflanzenreich und bei vielen Gelenkformen der Tiere und Menschen. Vor allem ist das Dreieck eine vom Menschen konstruierte Form: Wir sehen es z. B. an Dächern, bereits seit der griechischen Antike an den Segmentgiebeln öffentlicher Gebäude und Tempel, später an den Türmen christlicher Kirchen.

Das Dreieck ist das Grundelement aller Vielecke. Indem es über seiner Basis mit ungleichen Schenkeln in ungleichen Winkeln gebildet werden kann, stellt es eine überaus dynamische und variable Figur dar. Allen Dreiecksformen haben eine Balance, in der sich Dynamik und Statik auf subtile Weise die Waage halten. Die Mittelsenkrechte auf der Basis teilt das Dreieck in zwei symmetrische Hälften.

Dreiecke betonen meist die Bildfläche, können jedoch auch eine Tiefe andeuten. Vor allem in der kunstgeschichtlichen Epoche der Renaissance wurde die Form des Dreiecks von zahlreichen Künstlern, insbesondere im Hinblick auf die Darstellung religiöser Themen als Kompositionsfigur verwendet. In der durch die geometrische Form des Dreiecks verkörperten Klarheit sahen die Künstler ein hervorragendes Symbol zur Darstellung der göttlichen Dreifaltigkeit. Schon Pythagoras hielt das Dreieck, vor allem das gleichseitige, für ein Bild der Gottheit. Die christliche Trinitätsvorstellung machte es später zu ihrem Symbol, u. a. im „Auge Gottes“.

Das optische Dreieck in einem Bild hat – ähnlich wie der Goldene Schnitt – eine sehr ordnende und harmonisierende Funktion. Die reine Darstellung dieser streng geometrischen Form bedienten sich in der Kunst erstmals die Künstler der Geometrischen Abstraktion. Die Anfänge liegen in der geometrisch geprägten Avantgardekunst der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Künstlern wie Piet Mondrian, László Moholy-Nagy, Kasimir Malewitsch und Robert Delaunay waren wichtige Vertreter dieser Kunstrichtung. Die Verwendung von ausschließlich geometrischen Formen wie dem Quadrat, Rechteck, Dreieck, Kreis und Ellipse sind prägend für diese Stilrichtung. Typisch für die geometrische Abstraktion sind klar erkennbare Linien und die Aufteilung des Bildinhaltes in Einzelflächen. Die verwendete Farbpalette beinhaltet Primärfarben und „unbunte“ Farben wie Schwarz, Weiß und Grau, in allen Tonabstufungen. Der Bildinhalt ist nicht gegenständlich, im Vordergrund steht das Zusammenspiel von Form und Farbe. Dieses Zusammenspiel findet sich auch in den ausgestellten Werken von Isabelle Borges, Amelie Grözinger, Janine Eggert & Philipp Ricklefs und Christopher Sage wieder.

Das Grundgerüst der ausgestellten Arbeit von Amelie Grözinger bildet ein Dreieck, dessen innerer Körper aus gefalteten Papier-Sechsecken besteht. Ähnlich wie bei einem Stecksystem, werden die Sechsecke, Mithilfe von Heftklammern, aneinander fixiert. Dieses Prinzip, dass durch die Anordnung gleicher geometrischer Formen, ein festes Konstrukt gebildet wird, findet sich schon in der Natur, wie der Bienenwaben oder der Ananasschale wieder. Die reliefartige goldene Oberfläche reflektiert, ähnlich wie bei einem Spiegel, das Geschehen im Hintergrund. Durch die immer wiederkehrenden Brüche der Sechsecke wird das Abbild jedoch zerstückelt, ähnlich wie beim Kaleidoskop.

Ganz im Sinne der Konkreten Kunst konzentrieren sich die beiden auf dem Podest liegenden Skulpturen XEROX petit (2011) von Janine Eggert und Philipp Ricklefs auf das Zusammenspiel von Form und Farbe. Bei den beiden Skulpturen handelt sich um die geometrische Figur eines Sterntetraeders (bestehend aus gleichseitigen Dreiecken). Dem Betrachter wird die Figur in zwei Zuständen dargeboten – als intakte sternförmige Figur und als deren Dekonstruktion. An den Oberflächen des Sterns zeichnen sich Risse ab und unterbrechen die Symmetrie der Anordnung. Diese unregelmäßigen Linien dokumentieren einen bildnerischen Arbeitsprozeß, den Eggert/Ricklefs als performativen Eingriff der schematisierten Herstellung des Sterns entgegensetzen. Die monochrom lackierten Flächen der Skulptur tragen zur Klarheit der Plastik bei. Herausgelöst aus dem Gesamtzusammenhang der ursprünglichen Form im demontierten Zustand hingegen, erzielt die Farbgebung einen gegenteiligen Effekt: die Lackierung hebt die unregelmäßigen harten Kanten der in freier Handarbeit ausgesägten Fragmente hervor und macht auch die unlackierten Innenseiten und Stahlwinkel der Figur sichtbar. Über die Darstellung des künstlerischen Vorgehens als mehr oder weniger freier Wiederholung eigener und vorgegebener Handlungen wird in XEROX petit ein Arbeitsprozeß offengelegt, der nach einer Möglichkeit sucht, den Betrachter für die Wechselbeziehung von Farbe, Form und Raum zu sensibilisieren.

Die Wandinstallation von Isabelle Borges besteht aus dunkelblauen Linien, welche die Wandfläche trennen und verschiedene Dreiecksformen erscheinen lassen. Den Abschluß dieser Komposition bildet eine Papiercollage. Einfache geometrische Grundformen – linear und als gestaltete Flächen erarbeitet – prägen die Werke der Künstlerin. Im Gegensatz zu den Künstlern der abstrakten Kunst liegt der Fokus nicht auf der Geometrie der reinen Form und Fläche, sondern lässt sich Borges von ihrem vorgefundenen Umfeld beeinflussen. Raum und Form sind wichtige Bestandteile ihres Oeuvres. Ihre Arbeiten sind Schichtungen, nicht nur aus verschiedenen Materialien, sondern auch räumlicher Wahrnehmungen. Es sind Folgen eines poetischen Prozesses, bei dem die Künstlerin den Raum durch Farbfelder, Linien und Schatten zerlegt und faltet. Dadurch suggeriert sie die Illusion einer Dreidimensionalität.

Diese Illusion einer Dreidimensionalität wird bei der Space & Time rotary Serie von Christopher Sage verstärkt. Die Objekte, die sich wie eine Uhr im Kreis drehen, erforschen die Beziehung zwischen Darstellung und der Verschiebungen der Wahrnehmung. Jedes Objekt besteht aus 6 identischen Quadraten (ein Quadrat besteht wiederum aus 2 Dreiecken), welche die einzelnen Ebenen überschneiden. Durch die Verwendung der isometrischen Perspektive dokumentiert Sage jede Umstellung dieser geometrisch formalen Skulptur. Ähnlich wie Josef Albers strukturale Konstellationen erscheint es dem Betrachter fast unmöglich, die Zweidimensionalität der Objekte von Christopher Sage zu erkennen. Die Objekte drehen sich, auch wenn für das Auge nur schwer erkennbar, in 12 Stunden um die eigene Achse. Durch das Zusammenspiel von Form und Farbe wird bei der Umdrehung die Verschiebung der räumlichen Wahrnehmung verstärkt: Die verschiedenen farbigen Ebenen rotieren, verschieben sich und bilden, ähnlich wie bei einem Kaleidoskop, neue Formen.

Centrum

Reuterstraße 7
12053 Berlin – Neukölln

http://www.centrumberlin.com/

04. – 18. September 2016

(U7 | U8 Hermannplatz | U7 Rathaus Neukölln | U8 Boddinstraße)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.